So lügt man mit Statistik

So lügt man mit Statistik

2018-09-05T13:16:08+00:00 18. März 2010|

Alljährlich im Herbst wiederholt sich ein eigenartiges Ritual. Die OECD trägt ihr Zahlenwerk „Education at a Glance“ (EaG; deutsch: Bildung auf einen Blick) vor und stellt der Bildungsrepublik Deutschland ein schlechtes Zeugnis aus. Neben der Mahnung, Deutschland müsse mehr Abiturienten und Akademiker „produzieren“, um international nicht den Anschluss zu verlieren, steht immer auch die Höhe der Bildungsausgaben am Pranger.

Deutschlands Bildungsausgaben liegen unterhalb des OECD-Durchnittswerts, liest man dann landauf, landab. In meiner Lehrveranstaltung zur Einführung in die sozialwissenschaftliche Bildungsforschung hatte ich die Studierenden in einer Hausaufgabe beauftragt, die wesentlichen Erkenntnisse des EaG-Berichts und die Kommentare wichtiger Interessengruppen zusammenzustellen. In der Besprechung dieser Ausarbeitungen ergab sich dann ein symptomatischer Disput. Aus dem Text eines Studenten hatte ich einen ganz anderen Befund vorgestellt: „Bei Betrachtung der Ausgaben pro Schüler/Studierenden liegt Deutschland mit 7900 US-Dollar über dem OECD-Durchschnitt von 7800 US-Dollar und dem EU-19-Durchschnitt von 7600 US-Dollar.“ Prompt kam der Einspruch eines anderen Studenten, der sicher war, dass es sich hier um eine Verwechslung handeln müsse: Deutschland liege nicht über, sondern unter dem OECD-Mittelwert. Tatsächlich stimmt beides – je nachdem, welche Kennziffer man betrachtet und welche Absichten man verfolgt. Die in Deutschland höheren Pro-Kopf-Ausgaben erklären sich aus der demographischen Entwicklung: Länder mit sinkenden Schüler- und Studentenzahlen haben tendenziell geringere Bildungsausgaben – und gerade deshalb kann pro Kopf mehr Geld zur Verfügung stehen. Klar, dass die GEW und die Kultusministerkonferenz, die Bildungsstreiker und das Bundesbildungsministerium aus demselben Datenwerk völlig konträre Positionen munitionieren können. Besser könnte man eine der wichtigsten Lehren (Winston Churchill zugeschrieben) aus einem sozialwissenschaftlichen Studium kaum illustrieren: Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast!