Britische Unsitten

Britische Unsitten

2018-08-08T13:41:20+00:00 15. September 2011|

Vor wenigen Wochen beunruhigten Schlagzeilen über Jugendkrawalle und organisierte Plünderungen in englischen Vorstädten die Öffentlichkeit. Glücklicherweise war unser Familienurlaub in England nicht wirklich in Gefahr. Das Nachspiel der Aufstände lässt sich hier aber jeden Tag in den englischen Zeitungen verfolgen. In den Stellungnahmen und Kommentaren stehen sich zwei Erklärungsmuster gegenüber: das Paradigma des Werteverfalls und das Paradigma sozialer Ungleichheit. Die regierenden Konservativen prangern als Ursache Erziehungsdefizite, lasche Pädagogen, nachsichtige Richter und eine Anspruchsmentalität an – und machen dafür die Labour-Regierung (1997-2010) verantwortlich. Entsprechend lautet der Therapievorschlag (kennen wir das nicht von irgendwoher?): Lob der Disziplin. Die „educational underclass“ brauche wieder klare Ansagen. Vom linken Spektrum und führenden Meinungsmachern wie der BBC kommen im Gegenzug Analysen, die auf die hohe Jugendarbeitslosigkeit (mit 20 Prozent doppelt so hoch wie in Deutschland) und die reale Chancenlosigkeit vieler junger Briten hinweisen –und die gerade in der schamlosen Selbstbereicherung und Klüngelwirtschaft der oberen Zehntausend das eigentliche Problem der englischen Gesellschaft sehen. Skandale hatten zuletzt international für Aufsehen gesorgt: Im Sommer 2009 war öffentlich geworden, dass zahlreiche englische Parlamentsabgeordnete aller Parteien ihr Recht schamlos missbraucht hatten, in London eine Zweitwohnung zu nutzen – sie hatten serienweise Appartements auf Staatskosten renovieren lassen, um sie dann gewinnbringend weiterzuverkaufen. Der Herbst 2010 war geprägt von heftigen Protesten gegen die drastische Erhöhung der Studiengebühren auf umgerechnet bis zu 10 000 Euro pro Jahr, und zuletzt erschütterte im Frühjahr 2011 der Murdoch-Skandal das Königreich. Im vorigen Urlaub hatte ich eine Biographie über den Freiherrn zu Guttenberg gelesen. Auffällig oft nahm der Baron für sich den „Anstand“ , das, „was sich gehört“ , in Anspruch – bis er „kleine Fehlerchen“ in seiner Dissertation einräumen musste. Von seiner Vergangenheit eingeholt wird derzeit auch der britische Wir-greifen-durch-Premier David Cameron, der sich in Interviews mit seiner aktiven Zeit im Bullingdon Club konfrontiert sieht, einer elitären, auf Sauforgien und die Verwüstung von Restaurants spezialisierten Oxforder Studentenverbindung. Na, denn Prost.